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Delegieren lernen: die Rechnung, die jeder Inhaber machen sollte

Viele Inhaber delegieren zu wenig, weil sie nie nachgerechnet haben. Mit einer einfachen Rechnung sehen Sie, welche Aufgaben Sie zuerst abgeben sollten und wann sich die Einarbeitung lohnt.

Joshua Stark 12. März 20268 Min. Lesezeit

Delegieren lohnt sich, sobald der Wert Ihrer eigenen Stunde deutlich über den Kosten der Person liegt, die die Aufgabe übernimmt, und Sie die gewonnene Zeit tatsächlich für wertvollere Arbeit nutzen. Die meisten Inhaber machen diese Rechnung nie. Sie entscheiden aus dem Bauch heraus und behalten deshalb Aufgaben, die sie jede Woche Geld und Nerven kosten. Wer einmal sauber rechnet, weiß danach ziemlich genau, was zuerst abgegeben werden sollte.

Warum Inhaber so selten delegieren

Die Gründe klingen in fast jedem Betrieb ähnlich. „Bis ich das erklärt habe, habe ich es selbst gemacht.“ „Das kann sonst keiner so gut.“ „Ich habe gerade keine Zeit, jemanden einzuarbeiten.“ Jeder dieser Sätze ist für sich genommen richtig. Kurzfristig sind Sie tatsächlich schneller. Kurzfristig machen Sie es vermutlich auch besser.

Das Problem liegt im Zeithorizont. Wer nur auf die nächste Woche schaut, wird nie delegieren, weil die Einarbeitung immer mehr kostet als die einmalige Erledigung. Erst über Monate gerechnet kippt das Bild. In unseren Projekten mit Handwerksbetrieben und Praxen sehen wir häufig, dass Inhaber Aufgaben seit Jahren selbst erledigen, die sie in wenigen Wochen hätten abgeben können. Die Summe dieser Stunden ist oft erschreckend groß.

Dazu kommt ein zweiter Grund, über den seltener gesprochen wird: Kontrolle. Solange Sie alles selbst machen, wissen Sie, dass es richtig läuft. Delegieren heißt, ein Stück Sicherheit abzugeben. Das fällt vielen schwer, und das ist verständlich. Die Rechnung hilft auch hier, weil sie das Gefühl durch eine nüchterne Entscheidung ersetzt.

Schritt 1: Was ist Ihre Stunde wert?

Bevor Sie über einzelne Aufgaben nachdenken, brauchen Sie einen Maßstab. Die einfachste Formel lautet:

Ihr Stundenwert = gewünschtes Jahreseinkommen aus dem Betrieb ÷ Ihre tatsächlich verfügbaren Arbeitsstunden im Jahr

Ein Rechenbeispiel mit runden, fiktiven Zahlen: Die Inhaberin eines Elektrobetriebs möchte aus ihrem Betrieb 90.000 € im Jahr erwirtschaften. Sie arbeitet realistisch 46 Wochen zu je 50 Stunden, also 2.300 Stunden. Ihr Stundenwert liegt damit bei knapp 40 €.

Viele Inhaber kommen hier ins Stocken, weil sie merken, dass 40 € nicht viel ist. Genau das ist der Punkt. Solange Sie Ihre Zeit mit Aufgaben füllen, die auch eine Bürokraft für 20 bis 25 € pro Stunde erledigen könnte, drücken Sie Ihren eigenen Stundenwert nach unten. Ein zweiter, ehrlicherer Wert ist deshalb hilfreich: Was bringt eine Stunde Ihrer Arbeit, wenn Sie sie für das einsetzen, was nur Sie können? Für die Elektromeisterin wäre das etwa eine Stunde Kalkulation für ein größeres Gewerbeprojekt oder ein Gespräch mit einem Bauträger, der regelmäßig Aufträge vergibt. Diese Stunde ist oft ein Vielfaches wert.

Wenn Sie keine Lust auf eigene Tabellen haben, nutzen Sie den Delegations-Rechner. Er führt Sie durch genau diese Rechnung.

Schritt 2: Eine Woche lang aufschreiben, was Sie tun

Ohne Daten wird die Rechnung zur Schätzung, und Schätzungen fallen fast immer zu optimistisch aus. Schreiben Sie deshalb eine normale Arbeitswoche lang in 30-Minuten-Blöcken auf, was Sie tatsächlich tun. Kein Tool nötig, ein Blatt Papier pro Tag reicht.

Am Ende der Woche sortieren Sie jede Tätigkeit in eine von vier Gruppen:

GruppeBeschreibungBeispiel aus einem Handwerksbetrieb
A: Nur SieBraucht Ihr Urteil, Ihre Beziehungen, Ihre VerantwortungPreisgespräch mit Großkunden, Einstellungsentscheidung
B: Sie, aber bald nicht mehrKönnte jemand mit Einarbeitung übernehmenAufmaß bei Standardaufträgen, Materialbestellung
C: Sofort abgebbarBraucht kaum Fachwissen, nur eine klare AnleitungRechnungen erstellen, Termine bestätigen, Ablage
D: Kann wegBringt niemandem etwasDoppelte Dateneingabe, Berichte, die keiner liest

Die Gruppe D ist die angenehmste Überraschung. In fast jeder Auswertung finden sich Tätigkeiten, die niemand vermissen würde. Diese streichen Sie, bevor Sie irgendetwas delegieren. Es wäre unfair, jemandem Arbeit zu übergeben, die gar nicht nötig ist.

Schritt 3: Die Übergabe ehrlich einpreisen

Jetzt kommt der Teil, den viele weglassen: Delegieren kostet zuerst Zeit. Sie müssen erklären, zeigen, kontrollieren und nachbessern. Diese Kosten gehören in die Rechnung.

Rechenbeispiel, wieder mit fiktiven Zahlen: Ein Steuerberater erstellt selbst jede Woche etwa vier Stunden lang Standardschreiben an Mandanten. Eine Mitarbeiterin in der Kanzlei könnte das übernehmen. Die Einarbeitung kostet ihn einmalig rund zwölf Stunden, verteilt auf drei Wochen. Danach braucht er noch etwa 30 Minuten pro Woche für Stichproben.

PostenStunden
Einmalige Einarbeitung12
Gewonnene Zeit pro Woche nach Einarbeitung3,5
Wochen bis zur Amortisationetwa 3,5
Gewonnene Zeit im ersten Jahr (46 Wochen, abzüglich Einarbeitung)rund 150

Nach knapp vier Wochen ist die Einarbeitung zurückgeholt. Alles danach ist Gewinn an Zeit. Die Rechnung zeigt auch, warum Aufgaben, die nur alle paar Monate anfallen, schlechte Kandidaten für den Anfang sind: Dort dauert die Amortisation sehr lange.

Eine Einschränkung sollten Sie kennen: Die gewonnenen Stunden sind nur dann etwas wert, wenn Sie sie bewusst nutzen. Wer frei gewordene Zeit sofort wieder mit Kleinkram füllt, hat zwar delegiert, aber nichts gewonnen. Legen Sie deshalb vorher fest, wofür die Zeit gedacht ist.

Schritt 4: So übergeben Sie eine Aufgabe, damit sie nicht zurückkommt

Die meisten Delegationen scheitern nicht an der Person, die übernimmt, sondern an der Übergabe. Eine Aufgabe, die mit „Mach das mal bitte“ übergeben wird, landet mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder auf Ihrem Tisch. Bewährt hat sich ein Ablauf in fünf Stufen:

  1. Ergebnis beschreiben. Was soll am Ende vorliegen, bis wann, in welcher Qualität? „Die Rechnungen für abgeschlossene Aufträge gehen bis Freitag 12 Uhr raus, geprüft auf Aufmaß und Stundenzettel.“
  2. Einmal vormachen und dabei aufnehmen. Nehmen Sie Ihren Bildschirm auf oder lassen Sie mitschreiben, während Sie die Aufgabe erledigen. Daraus entsteht die erste Anleitung. Die Ablauf-Vorlage hilft, das in eine lesbare Form zu bringen.
  3. Gemeinsam machen. Beim zweiten Mal erledigt die andere Person die Aufgabe, Sie sitzen daneben und schweigen, so gut es geht.
  4. Allein machen, Sie prüfen. Ab dem dritten Durchgang arbeitet die Person selbstständig. Sie prüfen das Ergebnis, nicht den Weg.
  5. Stichproben statt Vollkontrolle. Sobald die Qualität stimmt, reduzieren Sie auf gelegentliche Stichproben und eine feste Rückfrage-Zeit pro Woche.

Wichtig ist, dass Sie Verantwortung für das Ergebnis mit übergeben und nicht nur die Tätigkeit. Wer nur ausführt, fragt bei jeder Abweichung nach. Wer für das Ergebnis zuständig ist, entscheidet selbst, was im Rahmen liegt.

Die häufigsten Fehler beim Delegieren

Aus der Arbeit mit Betrieben zwischen drei und fünfzig Mitarbeitenden kennen wir einige Muster, die immer wieder auftauchen:

  • Rückdelegation annehmen. Eine Mitarbeiterin kommt mit einem Problem, und Sie sagen „Lassen Sie mal da, ich schau mir das an“. Die Aufgabe liegt wieder bei Ihnen. Besser ist die Gegenfrage: „Was schlagen Sie vor?“
  • Nur unangenehme Aufgaben abgeben. Wer ausschließlich Reste delegiert, verliert gute Leute. Geben Sie auch Aufgaben ab, die Entwicklung ermöglichen.
  • Zu früh zu viel. Drei neue Aufgaben gleichzeitig überfordern fast jeden. Eine Aufgabe pro Person, bis sie sitzt, dann die nächste.
  • Unterschiedliche Maßstäbe. Wenn Sie heimlich erwarten, dass es exakt so gemacht wird wie bei Ihnen, sagen Sie das. Oft reicht aber ein Ergebnis, das zu 90 Prozent Ihrer Arbeitsweise entspricht. Die restlichen 10 Prozent kosten Sie mehr Zeit, als sie bringen.
  • Keine feste Rückmeldung. Ohne vereinbarte Zeitpunkte für Fragen kommen die Fragen den ganzen Tag. Ein kurzer Termin pro Woche bündelt sie. Wie so ein Termin aussehen kann, beschreiben wir im Artikel über das Wochenmeeting, das Ihr Team weiterbringt.

Was, wenn niemand da ist, an den Sie delegieren können?

Diese Frage hören wir oft, gerade von kleinen Betrieben mit drei bis fünf Leuten, in denen alle voll ausgelastet sind. Die ehrliche Antwort: Dann ist Delegieren zunächst eine Einstellungs- oder Einkaufsentscheidung. Drei Wege kommen in Frage:

  • Stundenweise Unterstützung im Büro. Eine Teilzeitkraft für Rechnungen, Terminbestätigungen und Ablage entlastet viele Inhaber stärker als erwartet.
  • Externe Dienstleister. Buchhaltungsvorbereitung, Telefonservice oder Lohnabrechnung lassen sich auslagern. Die Kosten sind klar kalkulierbar.
  • Software, die Arbeit wegnimmt. Online-Terminbuchung, automatische Erinnerungen und Vorlagen für wiederkehrende Angebote ersetzen keine Person, aber sie verringern das, was überhaupt delegiert werden muss.

Die Rechnung aus Schritt 1 und 3 funktioniert für alle drei Wege gleich. Sie vergleichen die Kosten pro Stunde mit dem Wert Ihrer freien Stunde.

Ein Plan für die nächsten 30 Tage

Damit aus dem Artikel mehr wird als ein guter Vorsatz, hier ein schlichter Plan:

  • Woche 1: Zeit aufschreiben, in 30-Minuten-Blöcken. Am Freitag in die vier Gruppen sortieren.
  • Woche 2: Alles aus Gruppe D streichen oder reduzieren. Eine einzige Aufgabe aus Gruppe C auswählen, die jede Woche mindestens zwei Stunden kostet.
  • Woche 3: Diese Aufgabe nach den fünf Stufen übergeben. Anleitung schreiben lassen, nicht selbst schreiben.
  • Woche 4: Stichproben einführen, feste Rückfrage-Zeit vereinbaren und festlegen, wofür Sie die frei gewordene Zeit nutzen.

Im zweiten Monat nehmen Sie die nächste Aufgabe, dann die übernächste. Nach einem halben Jahr sieht Ihre Woche anders aus. Das ist kein Versprechen, sondern die Summe vieler kleiner Übergaben.

Wenn Sie merken, dass Delegieren bei Ihnen weniger an der Rechnung scheitert als an fehlenden Abläufen oder fehlenden Leuten, ist das meist der eigentliche Engpass. Den können Sie mit dem kostenlosen Engpass-Check eingrenzen. Und wer das Thema lieber mit anderen Inhabern gemeinsam angeht, findet im Programm STARK OS Vorlagen und feste Wochentermine für genau diese Arbeit.

Joshua Stark

Geschrieben von

Joshua Stark

Gründer von stark.marketing und STARK Consulting, Heidelberg

Joshua begleitet seit 2016 Betriebe bei Marketing, Vertrieb und Abläufen. Über 150 Projekte, vom Handwerksbetrieb bis zum B2B-Unternehmen. Hier schreibt er auf, was davon in anderen Betrieben funktioniert.

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